Ural

Ursprung und Kriegsproduktion

Die Wurzeln der Ural reichen bis in den Zweiten Weltkrieg zurück. Auf Basis der BMW R 71 wurde in der Sowjetunion das Modell M72 mit 650-cm³-Motor entwickelt und ab 1942 im Werk IMZ – Irbitskij Moto-Sawod – in der uralischen Stadt Irbit gefertigt. Aus diesem Werk leitet die Marke ihren Namen ab.

Wie die Konstruktionspläne in die Sowjetunion gelangten, ist historisch nicht eindeutig gesichert. Einer verbreiteten Version zufolge wurden fünf Exemplare der BMW R 71 über das neutrale Schweden eingeführt und dort durch Reverse Engineering nachgebaut. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass die Pläne auf offiziellem Weg im Rahmen des Technologietransfers gelangten, der infolge des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts eingesetzt hatte.

 

Modellentwicklung

Die Weiterentwicklung der Baureihe verlief schrittweise. Auf den M72 folgten ab etwa 1960 die Modelle M60, M61, M63, M66 und schließlich der M67. Wichtige Meilensteine:

Darüber hinaus entstanden – insbesondere im privaten Umfeld – zahlreiche Umbauten, etwa mit BMW-Zweiventil-, Diesel- und Elektromotoren.

 

Modellvielfalt

Das Angebot umfasste über die Jahre eine beachtliche Palette: Standardmodelle, Varianten mit Rückwärtsgang, Versionen mit zuschaltbarem Seitenwagenradantrieb sowie ab 2005 ein Retro-Modell. Eines der letzten Sondermodelle war die „Expedition" im Design „Ember Flame Hero" (2023). Grundsätzlich unterschieden sich die Ural-Gespanne durch das Merkmal: mit oder ohne Beiwagenantrieb.

 

Vertrieb in Deutschland und Österreich

In ihrer Blütezeit produzierte IMZ über 130.000 Motorräder pro Jahr. Der Export in den Westen begann ab etwa Mitte der 1970er Jahre.

Erste Importeure und die ungeordnete Phase der 1980er Jahre

Bereits 1974 hatte Heinz Eich die ersten Maschinen des Typs M67 nach Deutschland gebracht.

Der günstige Kaufpreis von rund 1.000 D-Mark für ein Gespann ab Werk brachte viele Importeure hervor, die früher oder später an der mangelhaften Qualität scheiterten: Wittneben in Quickborn, Höft in Hilden, Spiesberger in Wien (später Kradimpex), die Deutsche Dnepr GmbH (Niemöller) in Ratekau, Brett & Bergner, Sauer sowie Däschlein ab 1994.

Carl Spiesberger vertrieb die Ural über Kradimpex von 1985 bis 1993. Kradimpex war in Wien ansässig und belieferte auch den deutschen Markt. Neufahrzeuge wurden dort vor dem Verkauf regelmäßig überholt: Kolben aus der Schweiz oder Japan sowie Ventile, Ventilfedern und Federteller von BMW wurden eingebaut, um Standfestigkeit und Haltbarkeit zu erzielen – ein deutliches Zeichen für den unzureichenden Fertigungszustand ab Werk.

 

Warenzeichenstreit

Nach der Privatisierung des Irbiter Motorradwerks im November 1992 wurde das Unternehmen wurde in Uralmoto AG, entstand ein Vertriebsgeflecht mit teils überschneidenden Ansprüchen und unklaren Generalimporteur-Strukturen.

Wolfgang Nessel in Paderborn trat als deutscher Generalimporteur der Marke Ural auf, autorisiert von Ultra Motoprom Russia. Nessel ließ die Bezeichnung „Ural" in Deutschland warenzeichenmäßig schützen und agierte damit als alleiniger Rechteinhaber für den deutschen Markt.

Dies führte zu juristischen Auseinandersetzungen mit Mitbewerbern. Manfred Blandfort betrieb unter dem Namen Blandfort & Partner GmbH zwischen 1993 und 1996 einen aktiven Gespannhandel mit Schwerpunkt Ural-Gespanne aus Russland. Firmensitz war zunächst Scheibenhardt, ab 1995 im Elsass (Frankreich). Mit Abmahnung vom 7. April 1994 wurde Blandfort & Partner über einen Anwalt aufgefordert, die Verwendung des Namens „Ural" in der Werbung zu unterlassen.

Blandfort reagierte auf den Vorgang in seiner Eigenveröffentlichung Ural Aktuell – Die Informationsschrift für Ural-Motorräder und Gespanne-Interessierte, von der mindestens drei Ausgaben erschienen. Das Heft versammelte eigene Verbesserungsvorschläge an Ural-Motorrädern sowie Zuschriften von Fahrern mit Erfahrungsberichten und technischen Hinweisen. Der Warenzeichenstreit ist im Archiv des Autors dokumentiert.

Dieser Fall ist exemplarisch für die chaotische Importeurlandschaft in Deutschland nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion: Mehrere Händler russische Exporteure agierten parallel, ohne dass eine abgesicherte, Struktur existierte. Dass ein einzelner Händler den Markennamen „Ural" warenzeichenmäßig für sich schützen ließ, zeigt, wie unkoordiniert der Vertrieb in dieser Phase war.

 

Konsolidierung ab 1998

Nach der erneuten Privatisierung des Werks im Jahr 1998 übernahm Udo Haubrich den Deutschlandvertrieb und steigerte Qualität und Bekanntheit der Marke – unter anderem durch Teilnahmen an der Rally El Chott 2001 und 2002.

Ab 2003 fungierte die Ural Motorcycles GmbH – zunächst in Linz, später in Marchtrenk (Österreich) – als offizielle Europazentrale für Deutschland, Österreich, die Schweiz und weitere europäische Märkte sowie Teile Afrikas und Asiens. Die Gesellschaft war maßgeblich an der Qualitätsoffensive des Werks beteiligt und organisierte ab 2008 das Europäische Ural Treffen in Österreich.

Im Zuge von Umstrukturierungen wurde 2002 die Irbit Motorworks of America, Inc. (IMZ-Ural) im US-Bundesstaat Washington gegründet. Die Jahresproduktion belief sich 2021 auf rund 1.200 Fahrzeuge; der Hauptabsatzmarkt war die USA.

 

Ural-Beiwagen

Die Boote von Ural wurden zu Zehntausenden produziert und auch gerne für Umbauten mit anderen Motorradmarken verwendet. Von dem rustikalen Blechbeiwagen gibt es einen großen Bestand an Gebrauchten, die teilweise für wenige hundert Euro zu bekommen sind. Teuer kann bei einem solchen Kauf allerdings die Restaurierung werden. Manchmal wird zum Gespannumbau auch nur das Fahrgestell des Beiwagens verwendet.

 

Das Ende des Westvertriebs

Im Jahr 2026 wurde die Produktion klassischer Ural-Gespanne für den westlichen Markt eingestellt. Künftig werden Ural-Boxer ausschließlich in Russland und assoziierten Ländern verkauft.

Mehrere Faktoren führten zu diesem Schritt: Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine ab 2022 und die daraufhin verhängten Import- und Exportbeschränkungen lähmten das Stammwerk in Irbit. Die als Alternative erprobte Verlagerung der Fertigmontage nach Petropawl (Kasachstan) erwies sich als wirtschaftlich nicht tragfähig. Hinzu kamen Marktsättigung und der wachsende Druck durch preisgünstige Konkurrenz aus China.

Mit dem Ural-Gespann geht eine der bekanntesten und charakteristischsten Seitenwagen-Kombinationen der Motorradgeschichte vom westlichen Markt ab – ein Stück lebendige Technikgeschichte, das Generationen von Gespannfahrern fasziniert hat. Inwieweit die Marke Ural mit der Ural Neo 500 an die Beliebtheit von einst anknüpfen kann, bleibt abzuwarten.

Nicht vergessen sollte man auch die vielen Uralhändler, die plötzlich ohne ihre Marke weiterwirtschaften müssen.

 

Technische Daten Ural Retro (2013)

 

Modelle Stand Oktober 2025

 

URAL cT

URAL T TWD

URAL Ranger

Beiwagenantrieb

nein

ja

ja

Motor

745 ccm OHV Boxer

745 ccm OHV Boxer

745 ccm OHV Boxer

Tank

19 l

19 l

19 l

Eigengewicht

320 kg

330 kg

363 kg

Getriebe

4-Gang + 1 Rückwärtsgang

4-Gang + 1 Rückwärtsgang

4-Gang + 1 Rückwärtsgang

Sitzhöhe

790 mm

790 mm

790 mm

Länge

2.280 mm

2.280 mm

2.580 mm

Breite

1.700 mm

1.700 mm

1.700 mm

Räder

18 Zoll

19 Zoll

19 Zoll

Bereifung

4.00 x 18 Heidenau K28

4.00 x 19 Heidenau K28

4.00 x 19 Heidenau K37

Besonderheiten

Reserverad, Gepäckträger, Fahrerschwingsattel, Beiwagenabdeckung, Benzinkanister, Spaten

Quelle: https://www.ural.cc

 

Importeur für Europa (bis 2026)

URAL Motorcycles GmbH
Albrechtstraße 26
A-4614 Marchtrenk
E-Mail: office@ural.at
Tel.: +43 7243 21 510
https://www.ural.cc

 

 

Quellen und weiterführende Literatur

Blandfort, M. (Hrsg.). (ca. 1994–1996). Ural Aktuell – Die Informationsschrift für Ural-Motorräder und Gespanne-Interessierte (mind. 3 Ausgaben). Archiv des Autors.

Götz, B. (1996). Notiz zum Warenzeichenstreit Nessel/Blandfort.

Götz, B., & Syburger Verlag (Hrsg.). (1988–2026). Motorrad-Gespanne (Nr. 0 bis 212). Auflistung von rund 130 Beiträgen über Ural.

https://www.ural.cc

 

Anhang

Von den Uralgespannen gab es Dutzende von Sondermodellen und Umbauvarianten.

Letzte Bearbeitung: 25. Juni 2026

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