Gespannhersteller "Ott Motorräder & Beiwagen" selbstständig seit 2001. Von 1984 bis 2001 für die Firma Carell im Gespannbau tätig. Mike Ott ist 2018 verstorben, die Firma wurde aufgelöst.
Ott war Gebietsvertreter von Champion Sidecars, EML, EZS, Squire und Watsonian.
Das Seitenwagenprogramm: Euro I, Euro II, Euro III, Euro IV und Cargo. Fertigung auch von Anhänger & Kupplungen, Polyestherteile, Zwei- und Einarm-Schwingen, Räder, Hilfsrahmen, Beiwagenrahmen, Anschlussteilen, Zusatz-Tankanlagen. Ein Teil der Beiwagenformen übernahm 2019 ef-tech.
Aufnahme entstand an der alten Werkstatt im Frühjahr 2000.
Zum Tod von Mike Ott, erschienen in MG 168
Mike Ott - Nichts war unmöglich
Vom schlichten Umbau mit Telegabel bis hin zum dritten Rad für 200-PS-Boliden – als Vollsortimenter der Branche konnte Mike Ott viele Wünsche realisieren. Mit seinem plötzlichen Tod verschwindet eine bedeutende deutsche Gespann-Manufaktur vom Markt.
Kennen Sie einen Gespannhersteller, der Gewinnmaximierung als primäres Ziel seines Geschäfts sieht? Wir nicht. Wohl alle Firmeninhaber haben den Schritt in die Selbständigkeit vorrangig aus Leidenschaft für das dritte Rad gewagt. So auch Michael Ott, in der Szene besser als „Mike“ bekannt.
Gelernt hat der Rheinpfälzer Heizungs- und Lüftungsbau. Doch schon immer galt sein Interesse Motorrädern, vor allem solchen mit Seitenwagen. Auf der Suche nach Ersatzteilen lernte er irgendwann in den frühen 1980er Jahren Gunnar Carell kennen. Zu dieser Zeit war die Gespannbranche noch sehr übersichtlich. Als Fachmann für Dampf- und Drucktechnik beim TÜV hatte sich Carell schon einige Zeit nebenbei dem Beiwagenbau gewidmet und dann 1984 gemeinsam mit Gattin Marianne seine Firma gegründet.
Aus der Händler-Kunden-Beziehung wurde bald mehr. Man kam überein, dass Mike Ott die Carells beim Gespannbau unterstützen sollte. Dabei fungierte eine Werkstatt in Flörsheim-Dalsheim als zweites Domizil neben dem Stammsitz in Haren/Ems. Dort schraubte Ott nicht nur Beiwagen an Motorräder, sondern trug maßgeblich zur Entwicklung von Verstärkungsrahmen und anderen Fahrwerk-Komponenten bei. Nebenbei tüftelte er an einem Eigenbau mit dem Motor des Autobianchi A 112.
Nach 18 Jahren in Diensten von Carell machte sich Mike Ott 2001 selbständig und blieb dabei zunächst in den Räumlichkeiten an der Alzeyer Straße 35, direkt gegenüber vom damaligen Sitz des Guzzi-Spezialisten Dynotec. Passend zum anstehenden Währungswechsel präsentierte er sein neues Beiwagenmodell „Euro I“. Dank der Verwendung von Pkw-Teilen für die Radaufhängung und eingefärbter Karosserien, die eine Lackierung entbehrlich machen, konnte das Boot preisgünstig angeboten werden. Darüber hinaus machte das junge Unternehmen mit außergewöhnlichen Umbauten – wie zum Beispiel der Suzuki Katana – von sich reden.
Der Euro I kam derart gut an, dass Ott ihm im Herbst 2003 eine schlankere Ausführung namens Euro II zur Seite stellte. Und dabei sollte es nicht bleiben: Die Euro-Linie wurde mit den Modellen III S und IV S nach oben erweitert. Doch wer in der „Sidecar Factory“ ein Motorrad umbauen lassen wollte, musste sich nicht auf einen Euro beschränken. Vielmehr kombinierte Ott auch Seitenwagen anderer Hersteller mit der Zugmaschine der Wahl. Dabei reichte das Spektrum vom schlichten Sidecar One bis zum luxuriösen Daytona 2+2 des US-Herstellers Champion.
In puncto Fahrwerk deckte die mittlerweile an die Mölsheimer Straße umgezogene Manufaktur ebenfalls ein breites Spektrum ab. Sofern die Telegabel der Basismaschine genügend belastbar war, konnte sie durchaus weiter zum Einsatz kommen. Gleiches galt für die Räder, wenngleich Ott hier diverse Alternativen verfügbar hatte.
Grundsätzlich stand allerdings die Sicherheit im Vordergrund, halbherzige Kompromisse kamen nicht in Betracht. So avancierte Ott zwischenzeitlich zum größten Hersteller Deutschlands. „Von 2001 bis 2008 verließen 346 Euro-Beiwagen seine Werkstatt. Allein 2008 waren es 43 Stück“, berichteten wir in M-G Nr. 111.
Vor zehn Jahren meldete sich Walter Lefèvre in der Szene zurück. Doch wollte er weniger Gespanne aufbauen als vielmehr ausgeklügelte technische Lösungen entwickeln. Damit diese dann entsprechend zum Einsatz kamen, taten sich Lefèvre und Ott 2011 zusammen. So konnte der geneigte Kunde in Flörsheim-Dalsheim nun auch Achsschenkellenkungen, Doppelverbundbremsen und und sonstige technische Finessen ordern.
Mittlerweile arbeitete zudem Sohn Sven in der Firma, die bei ständig randvollen Auftragsbüchern immer am Limit operierte. In dem Glauben, einige weitere Jahre berufstätig zu sein, hatte Ott vor lauter Arbeit jedoch noch keine Weichen für die fernere Zukunft seines Betriebes gestellt. Leider kam ihm das Schicksal grausam zuvor: Mike Ott verstarb Ende August 68jährig an einem Lungenleiden. Mit seinem Tod verliert die Szene einen Menschen, der sie seit über drei Jahrzehnten bereichert und maßgeblich geprägt hat.
Sven Ott, der durch seine Mitarbeit viel von seinem Vater gelernt hat, kann den bis dahin florierenden Betrieb wegen der widrigen erbrechtlichen Gegebenheiten nicht weiterführen. Damit gehört eine der führenden Gespann-Manufakturen Deutschlands nun der Vergangenheit an – von heute auf morgen.
Axel Koenigsbeck