Nach fest kommt ab

 

Nach fest kommt ab

 

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Reden wir vom Anzugsdrehmoment, bezieht sich das in diesem Beitrag auf die Schraubverbindungen. Jeder hat den Begriff schon gehört, aber ist das wirklich wichtig?

 

Um die oben gestellte Frage gleicht zu beantworten: Ja! Unbedingt! Auch wer nicht am Gespann schraubt und sämtliche Wartung pünktlich beim Gespannhändler durchführen lässt, sollte Bescheid wissen. Vielleicht muss ja doch mal ein Rad gewechselt werden.

Stellen wir uns mal vor, wir stehen vor dem Gespann und ein Zauberspruch würde schlagartig alle Schrauben entfernen. Für das, was dann vor uns liegt, würde uns der Altmetallhändler vielleicht noch 100 Euro geben. Mit diesem Gedankenspiel haben wir den Zweck einer Schraubverbindung definiert, sie soll etwas zusammenhalten.

Ob Beiwagenanschlüsse, Radmuttern oder Bremssättel, nur eine korrekte Schraubverbindung garantiert Sicherheit. Verwendet sind dabei Metall- oder Maschinenschrauben mit standardisiertem Regelgewinde. Auf die unzähligen Sonderformen von Schrauben und deren Eigenheiten wollen wir nicht eingehen, dafür müssten wir sonst viele Bücher lesen und Maschinenbau studieren.

 

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Stellen wir uns einen oberen Beiwagenanschluss vor, wie er heute üblich ist. Die Strebe, sie hat eine Lasche und wird in den motorradseitigen Anschluss gesteckt. Durch die Bohrungen stecken wir eine Schraube hindurch und drehen auf der Gegenseite eine Mutter auf das Gewinde. Das sollte mit einer Mutter ohne Sicherung von Hand ganz gut funktionieren.

Sitzt die Schraube handfest ist die Verbindung hergestellt. Um aus dieser Verbindung eine dauerhaft sichere Verbindung herzustellen muss die Mutter festgezogen werden. Die Gretchenfrage ist: Wie viel Klemmkraft braucht die Verbindung?

 

 

Schraubverbindung auf Zug belastet.

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Wir können uns das Gewinde wie eine Feder vorstellen. Durch das Anziehen wird die Schraube gedehnt, sie wird etwas länger. Das Gewinde wirkt dabei wie eine Rampe. Durch die Klemmung entsteht eine Gegenkraft in den zusammengedrückten Teilen. Die zusammengeklemmten Teile wirken wie eine zweite Feder die dagegenhalten. Fertig ist ein System von im Material gespeicherten Kräften die unseren Beiwagenanschluss zusammenhalten.

 

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Die Kräfte in einer Schraubverbindung sind mit Federn vergleichbar.

 

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Wieviel Dehnung optimal ist um eine sichere Verbindung zu gewährleisten, können wir bei auf dem Schraubenkopf ablesen. Bei den Beiwagenanschlüssen ist die Festigkeitsklasse 8.8 üblich.

 

Was bedeutet 8.8?

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Die erste Zahl entspricht 1 % der Zugfestigkeit, mit 100 multipliziert errechnet sich der Punkt der maximalen Belastungsgrenze. Die Zahl hinter dem Punkt gibt das Verhältnis von Zugfestigkeit und Steckgrenze mit 10 multipliziert an. Bei einer 8.8-Schraube ist die Zugfestigkeit 800 MPa und die Streckgrenze wird bei 80 % der Zugfestigkeit erreicht, also bei 640 MPa.

 

Die Zugbelastung wird in Newton pro mm² gemessen. Die Festigkeitsklasse 8.8 hat eine Zugbelastungsgrenze von etwa 800 N/mm², wohingegen bei der Festigkeitsklasse 12.9 diese Grenze bei 1200 N/mm² liegt. Mit steigender Festigkeitsklasse nimmt die Dehnfähigkeit einer Schraube ab, was auch bedeutet, dass diese empfindlicher gegen "Überdrehen" wird.

 

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Abb. links:
Anschlussteile, die in einem mechanischen Betrieb gefertigt werden, haben geringe Toleranzen. Hier ist das U-Stück nur zwei Hundertstel weiter als die Lasche dick ist.
Bei geschmiedeten Anschlüssen gibt es Fertigungstoleranzen bis zu einem Millimeter.

 

 

 

Wir können uns leicht vorstellen, dass wir den Schrauben nicht zu viel Dehnung zumuten dürfen. Sie dürfen nur innerhalb einem elastischen Bereich gedehnt werden. Dann ist alles gut und sie kehren immer wieder nach der Entlastung auf ihre ursprüngliche Länge zurück.

Die Grenze, ab der die Schraube sich dauerhaft, ist die Streckgrenze. Das Drehmoment einer Schraube wird vom Hersteller bei etwa 65 bis 75 Prozent unterhalb dieser Grenze festgelegt. So besteht noch Luft nach oben. Das ist gerade dann wichtig, wenn wir zum Beispiel flott durch Kurven fahren, dann wirken zusätzlich Kräfte die Schraube ein.

 

 

 

 

 

Kraft-Längendiagramm einer Schraube.

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Beobachten wir mal die Herangehensweise eines ahnungslosen Bastlers beim Festziehen der Anschlussstrebe.

Er meint es besonders gut und steckt beim Anziehen auf den Schraubenschlüssel ein dickes Rohr zur Hebelverlängerung. Sein Motto: „Sicher-ist-sicher“. Jetzt ist es ein leichtes die Schraube etwas über die Streckgrenze hinaus zu verformen. Bis hierher: Glück gehabt. Die Schraube wird nach dem Lösen zwar nicht mehr auf ihre ursprüngliche Länge zurückgehen. Doch solange die Last anliegt, erzeugt die Schraube weiterhin die gewünschte Klemmkraft.

Ist unser ahnungsloser Bastler ein kräftiger Typ oder das aufgesteckte Rohr lang genug, wird die Zugkraftgrenze überschritten. Die Schraube wird sich einzuschnüren, sie wird dünner und es erfolgt der Abriss.

 

Schraubverbindungen halten also nur zuverlässig mit der richtigen Klemmkraft. Wer glaubt, die richtige Klemmkraft im Handgelenk zu spüren, liegt falsch! Der Grund: Gewinde sind nie exakt gleich, sie haben Toleranzen, sie sind rauer oder glatter, trocken oder ölig, oder werden zum ersten oder zwanzigsten Mal angezogen.

Ein Drehmomentschlüssel spürt die Summe aller Widerstände. Wird der eingestellte Widerstand überschritten, gibt uns der Schlüssel ein Signal, meist durch ein deutlich hörbares Klacken.

 

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In den bisherigen Ausführungen haben wir nicht berücksichtigt, dass die Lasche auf der Beiwagenstrebe dünner ist als das U-förmige Anschlussteil. Dadurch können wir die Strebe leicht einführen. Ist aber, wie oben beschrieben, die Schraube nur handfest angezogen (wie in der Skizze dargestellt) und wir rütteln an der Strebe, spüren wir, wie sie sich bewegt. Für eine haltbare Verbindung müssen wir das U-förmige Anschlussteil auf die Lasche biegen. Wegen der U-Form kann das nur im oberen Bereich erfolgen.

Beim Messen von Anschlussteilen hatten wir in einem Fall eine Toleranz von einem Millimeter, bei anderen mussten wir mit einem Gummihammer nachhelfen, um die Lasche in das U-Stück zu bekommen. Wir fragten bei einigen Gespannherstellern nach: „Verwendet ihr beim Anziehen von diesen Beiwagenanschlüssen einen Drehmomentschlüssel?“ Die einhellige Antwort war ein klares „Nein“.

 

 

 

Haben wir also einen solchen U-förmigen Anschluss, bleibt uns nur die Schrauben mit Ratsche oder Schlüssel sehr fest anzuziehen. So machen es offensichtlich auch die Gespannhersteller. Zwar ist die Verbindung nicht optimal. Aber in der Praxis hält die Schraube. Solider wäre es allerdings, die Hersteller verzichten auf solche U-förmigen Anschlussteile.

 

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Denn Verbindungen, die vollflächig aneinander liegen, sind solider. Dann können wir auch den Wert aus der Schraubentabelle übernehmen. Nachzulesen sind dort bei Schrauben mit 12 mm Durchmesser (M12 = Schlüsselweite 19 mm) und der Festigkeitsklasse 8.8 etwa 90 Nm.

Müssen wir dagegen ein U-förmiges Anschlussteil erst auf die Lasche biegen, ist der mittlere Tabellenwert von 90 Nm nicht ausreichend. Ein Teil des Drehmoments geht verloren, bis überhaupt eine hinreichende Pressung zustande kommt. Eine weitere Ungenauigkeit schleicht sich ein, wenn die Strebe dick lackiert oder beschichtet ist.

 

Richtige Anwendung eines Drehmomentschlüssels:

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• Auf die Angabe der Drehrichtung achten.

• Mittig am Griff fassen.

• Bei Verlängerungen muss manchmal unterstützt werden.

• Gerade bei neuen Schrauben/Muttern in mindestens drei Durchgängen alle Schrauben über Kreuz anziehen. Die Reihenfolge dient zur Unterstützung der Setzprozesse und um Verkantungen zu verhindern.

1. Auf 2/3 des Drehmoments anziehen.

2. Auf das geforderte Drehmoment anziehen.

3. Dann 1/4 bis 1/2 Umdrehung zurück und dann wieder mit dem geforderten Drehmoment anziehen.

Gerade bei sicherheitsrelevanten Verbindungen sollte nach einiger Zeit der richtige Sitz der Schrauben nochmals überprüft werden. Wir kennen das vom Reifenwechsel, wenn auf der Rechnung des Reifenhändlers steht, dass nach 50 km die Radmuttern noch einmal überprüft bzw. nachgezogen werden sollen.

 

Das Drehmoment ist eine Bewegungskraft, die drehend auf ein Zentrum wirkt. Es ist eine Funktion der Kraft F und des Radius r. Der Radius ist nichts anderes als die Länge des Hebels, mit dem das Drehmoment erzeugt wird.

 

Drehmoment, das Produkt aus Kraft (F) und Hebellänge (h).

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Es stellt sich also die Frage: Brauchen wir für die Gespann-spezifischen Komponenten überhaupt einen Drehmomentschlüssel? Wir können davon ausgehen: Werden Anzugsdrehmomente gefordert, müssen sie in der Bedienungsanleitung vermerkt sein.

 

Zum Festziehen der Räder empfiehlt sich immer ein Drehmomentschlüssel.

Radschrauben werden ohne Schmiermittel eingedreht und müssen mit einem definierten Drehmoment angezogen werden. Wenn der Gespannhersteller Lagerkomponenten aus dem Automobilbau verwendet, gelten auch hier die entsprechenden Nm-Vorgaben.

Eine korrekt ausgeführte Schraubverbindung an der Anschlussstrebe hält ohne weitere Sicherungsmaßnahmen. Ist die Schraube an einer besonders sicherheitsrelevanten Stelle, kann zusätzlich eine Flüssigsicherung verwendet werden. Sie wirken wie Klebstoff und erschweren das Lösen einer Schraube. Ist sie erforderlich, weist der Gespannbauer darauf hin.

Gerne werden als Verliersicherung Muttern mit Nylonring verwendet. Wie es der Name treffend beschreibt, verhindern sie ein Verlieren der Schraube. Damit dies funktioniert, müssen mindestens zwei Gewindegänge aus der Mutter herausschauen. Wir gewinnen durch diese Sicherung Zeit, um dann bei einer Inspektion die gelockerte Verbindung aufzuspüren. Federscheiben oder Fächerscheiben taugen nicht als Schraubensicherung.

 

Keine Federringe und Fächerscheiben verwenden!

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Für den privaten und im Werkstattbereich sowieso, ist der Drehmomentschlüssel die erste Wahl. Wird der eingestellte Widerstand überschritten gibt der Schlüssel ein Signal, meist durch ein deutlich hörbares klacken. Elektronische Drehmomentschlüssel weisen mit einer Leuchte oder Signalton auf das Erreichen des Drehmoments hin.

Bei der Handhabung fassen wir den Drehmomentschlüssel mit einer Hand mittig am Griff. Packen wir den Schlüssel unterhalb des Griffs, oder am äußersten Ende des Schlüssels, verändern wir die Hebellänge.

 

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Der Schlüssel

Wer in einen Drehmomentschlüssel investiert, ist mit einem Drehmomentbereich zwischen 40 bis 200 Nm gut bedient, ein Blick in die Gespann-Bedienungsanleitung verschafft da Klarheit. Für häufige Arbeiten am Motor lohnt sich ein zweiter Drehmomentschlüssel mit einem Messbereich zwischen 5 und 40 Nm.

Es gibt zahlreiche Qualitätsstufen, im mittleren Preissegment sollte sich unserer Erfahrung nach etwas finden. Und ist der Schlüssel doch sehr häufig im Einsatz, kann irgendwann eine Nach-Kalibrierung Sinn machen – einige Werkzeughersteller bieten dies an.

Wird der Drehmomentschlüssel neu angeschafft, sollten wir ihn vor dem Kauf unbedingt in die Hand nehmen und prüfen ob wir damit klarkommen. Ist die Funktion eingängig und die Skala gut ablesbar?

Manchmal finden sich zwei Skalen am Schlüssel, eine die das Drehmoment in Zehnerschritten anzeigt und eine, die die Zwischenwerte angibt. Manche Schlüssel haben auch einen Lbs-Skala (100 Nm entsprechen rund 74 Lbs).

Der Drehmomentschlüssel ist kein Werkzeug für alle Tage, er sollte deshalb entspannt gelagert werden. Er wird nur beim finalen Anziehen einer Schraube verwendet. Auch das Lösen von Schraubverbindungen sollte keinesfalls mit dem Drehmomentschlüssel erfolgen.

 

Wenn wir unterwegs ein Rad ausbauen müssen und es ist kein Drehmomentschlüssel zur Hand, ist das kein Beinbruch. Wir verwenden dann den passenden Schraubenschlüssel und ziehen die Verbindung fest an. Und bis wir das Drehmoment kontrollieren können, überprüfen wir regelmäßig den festen Sitz der Schrauben. Beim Festziehen von Schrauben allgemein geben wir dem Ringschlüssel den Vorzug. Die Gefahr, abzurutschen und sich eine blutige Verletzung zuzuziehen, ist geringer als beim Maulschlüssel.

Die Werkzeughersteller haben die Länge (= Hebellänge) von Schrauben und Inbusschlüsseln wohl bedacht. Werden damit Schraubverbindungen kräftig angezogen, halten sie dauerhaft. Ein Überdehnen oder Abreißen einer Schraubverbindung mit Mutter der Festigkeitsklasse 8.8 ist nur bei übermäßigem Krafteinsatz denkbar.

 

 

Fazit

 

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Das Anzugsdrehmoment, Beitrag in MG 66

 

 

 

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