Nach dem Zweiten Weltkrieg existierten in der jungen DDR mehrere Betriebe, die Motorradseitenwagen herstellten.
Gerhard Wolff (Dresden)
Durch Verstaatlichung und Konzentration der Produktion blieb letztlich nur der Fahrzeugbau Stoye Leipzig als bedeutender Hersteller bestehen.
Stoye Fahrzeugbau Leipzig (1920–1990)
Gegründet 1920 von Walter Stoye in Leipzig; ab 1925 spezialisierte sich der Betrieb auf Motorradseitenwagen. Stoye entwickelte zahlreiche Modelle für verschiedene Motorradmarken, darunter IFA, AWO (Simson), EMW (Eisenach) und MZ (Zschopau).
In den 1930er Jahren war Stoye ein weltweit bekannter Hersteller mit technisch fortschrittlichen Konstruktionen, z. B. Schwingachsen, Gummifederungen und den „Kugelschnellanschluss“ (Patent 1929, später DIN-Norm). Nach 1945 konnte Stoye durch Beziehungen zu Paul Greifzu und der AWO Suhl den Absatz wiederaufbauen. Es entstanden erfolgreiche Nachkriegsmodelle wie SM, TM, TML, Elastik- und Superelastik-Seitenwagen, letztere mit Torsionsstabfederung und höherer Fahrsicherheit.
1967 wurde Walter Stoye aus der Geschäftsleitung gedrängt; 1972 ging das Werk vollständig in den VEB Motorradwerk Zschopau (MZ) über (als „MZ Werk IV“). Stoye produzierte bis 1990 weiter, insgesamt etwa 300.000 Seitenwagen, davon 150.000 zwischen 1950 und 1990. 1990 wurde der Betrieb von der Treuhandanstalt liquidiert – das Ende eines der ältesten und international renommiertesten Seitenwagenhersteller der Welt.
HTH – Hans Tautenhahn Hartenstein (Sachsen, Erzgebirge)
Karosseriebau-Betrieb, aktiv von 1924 bis Mitte der 1970er Jahre. Produzierte Kleinwagen, Motorradgabeln, Behindertenfahrzeuge und Seitenwagen, teils nach Vorbild älterer Stoye-Modelle. Neuere Modelle (1950er) ähnelten optisch den GeWo- und Wünsche-Beiwagen, unterschieden sich aber durch eine Karosserie ohne Holzrahmen.
GeWo (Dresden))
Fertigte von 1952 bis 1960 Seitenwagen für AWO, EMW und MZ BK 350. Charakteristisch waren Stahlblechkarosserien mit teils achteckiger, zeppelinförmiger Form. Das Modell Falke von GeWo war ein sehr preisgünstiges Modell, jedoch anfällig für Fahrwerksprobleme.
Wünsche (Pirna)
Hersteller zwischen 1951 und 1965/66. Anfangs Stahlblech-, später Aluminiumkarosserien mit Holzboden, zunächst ohne, später mit Federung. Entwürfe zunächst an Stoye orientiert, später eigene Formen mit großzügigem Fußraum. Produktion 1962 an Gerhard Stäps übergeben; ca. 100–120 Stück jährlich bis 1966.
Heute fertigt Karosseriebau Robert Waldmann (Kamenz) moderne Nachbauten und besitzt die Markenrechte.
Gerhard Wolff (Dresden)
Baute ungewöhnliche, aus Aluminium gefertigte Beiwagen.
VEB Metallbearbeitung Falkensee (Berlin-Staaken)
Produktionszeit 1951 bis 1959, baute leichte Beiwagen.
Technische und kulturhistorische Bedeutung
DDR-Seitenwagen spiegeln die Ingenieurskunst unter Materialmangel wider. Stoye prägte weltweit den Standard für Seitenwagenanschlüsse und Federungssysteme. Der Superelastik-Seitenwagen wurde zu einem Symbol ostdeutscher Fahrzeugtechnik. Die Vielfalt kleiner Hersteller wie HTH, GeWo und Wünsche dokumentiert die Übergangsphase zwischen handwerklicher Fertigung und staatlich gelenkter Industrieproduktion.
Nach 1990 blieb nur ein kleiner Kreis von Restauratoren und Nachbau-Manufakturen (z. B. Waldmann) als Bewahrer dieser Tradition.
MZ-Prototyp 1994 auf der IFMA in Köln an einem unscheinbaren und minimalistischen Messestand. Aufgebaut und vorgestellt von den ehemaligen Mitarbeitern des MZ VEB-Werks.